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6. Nov. 2017

Interview des
Energie Informationsdienstes (EID) mit Florian Barsch

Der Chef von ExxonMobil Central Europe spricht im EID-Interview über den aus seiner Sicht „richtigen“ Weg, CO2 zu vermeiden, den Wert heimischen Erdgases und die Idee hinter den Umbauplänen seines Unternehmens im Tankstellengeschäft.

EID: Herr Barsch, als Folge der Bundestagswahl im September loten nun Union, FDP und Grüne die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit in einer schwarz-gelb-grünen Bundesregierung aus. Sollte „Jamaika“ tatsächlich kommen, was sind Ihre energiepolitischen Wünsche an ein solches Regierungsbündnis?

Barsch: Die gleichen, die ich an jede Bundesregierung hätte. Die Energie- und Klimapolitik sollte wieder stärker die Vermeidung klimaschädlicher Emissionen ins Visier nehmen und den Rahmen dafür entsprechend setzen. Bestimmte Technologien vorzuschreiben oder auszuschließen, ist da der falsche Weg. Für mich ist diejenige Technologie die beste, mit der sich am effektivsten CO2 vermeiden lässt. Denn letztendlich ist doch die Vermeidung von CO2 das von uns allen verfolgte Ziel und nicht eine möglichst dicke Dämmung an den Hauswänden oder eine bestimmte Anzahl von Elektroautos auf den Straßen.

EID: Derzeit wird viel darüber gesprochen, das gesamte System an Steuern, Abgaben und Umlagen auf Energie stärker an den CO2-Emissionen auszurichten. Für Sie ein guter Ansatz?

Barsch: Wenn dabei sämtliche Emissionen der verschiedenen Energieträger, Produkte und Technologien erfasst und bewertet werden, und zwar von deren Herstellung bis zum Gebrauch bzw. Verbrauch, dann könnte ein CO2-Preis tatsächlich für echten Wettbewerb unter den verschiedenen Technologien sorgen. Damit ließe sich Verbraucher- wie Industrieverhalten wirksam steuern: Auf die Nachfrage der Verbraucher nach entsprechenden CO2-armen und bezahlbaren Produkten reagiert dann die Industrie mit den entsprechenden Angeboten. Ich bin mir sicher, dass die politische Anstrengung sich hierfür lohnen würde.

EID: Sprechen wir heute von einer zunehmend mit Grünstrom elektrifizierten Welt, dann hieß das früher salopp „weg vom Öl“. Was bedeutet ein solcher Ansatz für eine Industrienation wie Deutschland?

Barsch: Aus meiner Sicht nichts Gutes. Und zwar aus dem ganz einfachen Grund, dass ich davon überzeugt bin, dass niemand – weder Ingenieur, noch Politiker – heute wissen kann, welche technologischen Innovationen in den nächsten 20, 30 Jahren möglich sind. Wer heute einseitig auf bestimmte Technologien setzt, verbaut Wege und Chancen, die dem eigentlichen Ziel – der Verminderung von Treibhausgasen – vielleicht viel näher kommen. Fuels-seitig zum Beispiel forschen wir seit langem an modernen Biokraftstoffen, und großes Potenzial sehen wir vor allem bei algenbasierten Biofuels. Der wesentliche Vorteil ist, dass Algen nicht mit der Nahrungsmittelproduktion konkurrieren, sie benötigen nicht einmal Frischwasser. Überdies können wir - bei Betrachtung der gesamten Produktionskette einschließlich Raffinerien - Emissionsminderungen im Verkehr von bis zu 50 Prozent erwarten, wenn wir Algen-Biofuels einsetzen. Ein großer Vorteil dieser Energieform wäre im Übrigen auch, dass für ihren Einsatz nicht erst neue Infrastruktur kostenintensiv aufgebaut werden müsste. Natürlich ist hier noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten, dennoch haben wir, insbesondere was die Wachstumsgeschwindigkeit sowie die Ölausbeute anbelangt, zuletzt große Fortschritte erzielen können.

EID: Die Öl- und Gasförderindustrie hat bei weitem nicht die Bedeutung für Deutschland wie die Grundstoffindustrie. Dennoch werben Sie seit langem für die Nutzung der heimischen Ressourcen. Warum, wo importieren doch so einfach geht?

Barsch: Solange wir Erdgas in Deutschland verbrauchen und gebrauchen - und das wird noch lange so sein - ist es für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, dass wir uns darauf verlassen sollen, es komplett von außen zu importieren. Bei Obst oder Fleisch käme niemand auf die Idee, regionale Produkte einfach aus dem Sortiment zu nehmen und ausschließlich auf Importware zu setzen. So viel anders ist es unter dem Strich mit unserem Produkt auch nicht. Wir produzieren hierzulande Erdöl und Erdgas nach den höchsten technologischen Umwelt- und Sicherheitsstandards und vermeiden so Kosten und Emissionen, die beim Transport der Mengen aus anderen Förderregionen entstehen würden. Es ist also sowohl unter dem Gesichtspunkt der Versorgungssicherheit, aber auch aus ökologischen und ökonomischen Aspekten sinnvoll, auf die heimische Förderung zu setzen. Schließlich muss es auch darum gehen, das technologische Know-how, das wir in der deutschen Upstream-Industrie über Jahrzehnte aufgebaut haben, zu erhalten. Können wir in Deutschland nicht mehr produzieren, geht auch unsere technologische Reputation auf dem internationalen Markt verloren.

EID: Nun wurde mit dem nach langer Hängepartie verabschiedeten Fracking-Gesetz zumindest bei der konventionellen Gasförderung hierzulande die Handbremse wieder etwas gelockert, während bezüglich unkonventioneller Vorkommen weiter nur geforscht werden darf.

Barsch: Auf der konventionellen Seite werden wir die Projekte, die wir aufgrund des Gesetzgebungsverfahrens zurückstellen mussten, jetzt schrittweise angehen. Dabei werden wir die Antragsunterlagen überarbeiten und uns auf die komplexeren Genehmigungsverfahren einstellen. Aber immerhin geht es im Upstream in Deutschland nun wieder weiter.

EID: Die Gesetzgebung ist das eine. Überzeugungsarbeit muss die Industrie aber mit Blick auf das Fracking auch in der Öffentlichkeit leisten. Wie wollen Sie die Menschen an dieser Stelle mitnehmen?

Barsch: Das wird uns nur mit intensiver Kommunikation gelingen, mit vielen Gesprächen vor Ort. Wenn es um Fracking geht, wird die Diskussion schnell unsachlich, das verunsichert. Umso mehr müssen wir uns der Sorgen der Bürger annehmen und Antworten liefern. Das ist ein Prozess, in den wir bereits frühzeitig eingestiegen sind und der nicht von heute auf morgen abgeschlossen sein wird. Wir müssen Vertrauen zurückgewinnen und vor allem den Beweis antreten, dass wir umweltverträglich produzieren. Und das tun wir. Ich weiß, was mein Team kann, und bin überzeugt, dass wir die Fakten auf unserer Seite haben.

EID: In Deutschland strebt ExxonMobil auf der Downstream-Seite, genauer, im Tankstellengeschäft, einen echten Systemwechsel an. Gesucht werden einige wenige Unternehmen, die das Eigentum an den Tankstellen übernehmen, aber weiter langfristig auf Ihre Produkte und die Marke Esso setzen. Kann das funktionieren, denn in der Regel laufen solche Markenverträge doch einige wenige Jahre? Oder anders gefragt: Verbirgt sich hinter dem Modell ein schleichender Abschied Essos aus dem deutschen Tankstellenmarkt?

Barsch: Von Abschied kann überhaupt keine Rede sein, ganz im Gegenteil. Mit diesem „Branded Wholesaler“-Modell suchen wir Partner, die langfristig – gerne 20 Jahre und länger – mit uns zusammenarbeiten wollen. Als Eigentümer der Stationen vermarkten sie mit voller Preishoheit unsere Produkte unter der Marke Esso, während wir uns auf die Weiterentwicklung unserer Qualitätskraftstoffe und Marketingprogramme konzentrieren. Wir glauben, dass in diesem Geschäftsmodell ein riesiges Potenzial für beide Partner liegt, neues Geschäft zu generieren und zu wachsen. Deutschland ist auch nicht der erste Markt, in dem wir das Tankstellengeschäft nach diesem Modell neu aufgestellt haben, und die Erfahrungen, die wir dabei bisher gemacht haben, sind außerordentlich positiv.

EID: Sie suchen Investoren, die Ihnen relativ große Geschäftseinheiten – im besten Fall 150 Stationen aufwärts – abnehmen. Wer kommt da in Frage, der nicht seine eigene Marke zeigen will?

Barsch: Für uns ist ein Auswahlkriterium der jeweiligen Geschäftspartner ganz klar ein Bekenntnis zur Marke „Esso“. Wenn jemand das Ziel hat, in Deutschlands Tankstellenmarkt seine eigene Marke aufzubauen, dann ist das eben niemand, den wir suchen.

EID: Heißt im Umkehrschluss, wenn sich nicht ausreichend Interessenten finden lassen, die diesen Bedingungen folgen wollen?

Barsch: Dann bleibt bei unseren Tankstellen organisatorisch alles so, wie es ist. Wir betreiben unser Netz in Eigenregie weiter und trimmen es – wie jetzt schon – mit großen Investitionen auf Wachstum, denn wir glauben an den deutschen Markt.

EID: Kraftstoffseitig stellen Sie sich bei Esso eine Welt mit modernsten Biofuels vor. Und wie sieht es mit der Elektromobilität, Erdgas, Autogas aus?

Barsch: Wie bei allem sind wir auch da technologieoffen. Wir haben heute bereits an fast 20 Esso-Stationen Elektroladesäulen installiert und prüfen weitere Standorte. Autogas haben wir über 350 mal und Erdgas fast 90 mal in unserem Netz und sind damit jeweils die Nummer 2 im deutschen Tankstellenmarkt. Erdgas in verflüssigter Form sehen wir als vielversprechende, emissionsarme Option im Schwerlastverkehr. Sie sehen also, welche Alternativen wir auch betrachten, wir haben keine Berührungsängste. Ich kann Technologieoffenheit ja auch nicht nur von anderen erwarten.

EID: Das erste Jahr an der Spitze der ExxonMobil Central Europe liegt hinter Ihnen. Ihre Eindrücke?

Barsch: Schon die ersten zwölf Monate sind für mich eine extrem spannende Reise gewesen. Ich bin ja die meiste Zeit meiner bisherigen Karriere im Upstream in vielen Teilen der Welt unterwegs gewesen und habe deshalb auf der neuen Position in den anderen Verantwortungsbereichen sehr viel dazugelernt. Aber mein Team hat es mir da auch sehr leicht gemacht. Spannend war das Jahr aber auch für die Branche; ein Meilenstein des letzten Jahres war dabei sicher, dass der mitunter zähe Gesetzgebungsprozess für die Neuregelungen in der Öl- und Gasförderung, nun endlich abgeschlossen ist. Die neuen Regelungen enthalten einige Auflagen und Hürden, denen stellen wir uns, aber im Wesentlichen ist die Erstarrung jetzt aufgebrochen, das Gesetz gibt uns wieder Planungssicherheit für unsere Projekte. Im Downstream waren und sind die Highlights der Roll-out des neuen Tankstellenkonzepts Synergy und natürlich unser Angebot an den Markt, über das „Branded Wholesaler“-Modell intensiv im Tankstellengeschäft mit uns zusammenzuarbeiten. Es bewegt sich was, das ist gut, das macht Spaß und ich freue mich auf die weitere Zukunft für und mit ExxonMobil in Deutschland.

EID: Herr Barsch, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Florian Barsch, Vorstandsvorsitzender ExxonMobil Central Europe Holding GmbH
Foto — Florian Barsch, Vorstandsvorsitzender ExxonMobil Central Europe Holding GmbH
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